KRAFT AUS DEM NORDEN

Sport Magazin Austria 07/08-2013
(Steffen Aurora) edited by Inge Jarl Clausen

Dan Martin

Der Norweger Inge Jarl Clausen ist Vegetotherapeut. Während seine Behandlungsmethoden vom medizinischen Mainstream ignoriert  werden, ist er im Spitzensport ein gefragter Mann. Von Manchester City und dem FC Everton bis hin zu Profi-Radteams der Tour de France reichen seine zufriedenen Kundenreferenzen.

Mit angewinkelten Beinen liegt der Athlet auf dem Rücken. Die Arme sind entspannt und am Körper anliegend ausgestreckt. Der Kopf ist leicht überstreckt, die Augen sind geschlossen und der Mund weit geöffnet. Inge Clausen sitzt ebenso entspannt auf seinem Stuhl daneben und gibt sporadisch Anweisungen zur richtigen Atmung: „Tief einatmen und dabei das Becken heben, die Position kurz halten und wieder ausatmen.“ Was der 54-jährige hier praktiziert nennt sich Vegetotherapie, eine Form der Körperpsychotherapie die unter anderem auf die Lehren des österreichischen Psychoanalytikers und Freud-Schülers Wilhelm Reich zurückgeht.

Grundsätzlich geht bei dieser Therapieform darum, einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen. Vegetotherapeuten berücksichtigen Körper, Geist und Seele. Besonderes Augenmerk liegt auf der Atmung. Durch die so genannte Quallenatmung, wie sie Vegetotherapeuten lehren, sollen unterdrückte Gefühle wieder ins Bewusstsein getragen und somit Traumata gelöst werden, die sich im Laufe eines Lebens körperlich manifestiert haben. Im Sportzusammenhang soll dadurch eine Leistungssteigerung möglich sein.

Clausen erklärt. ” Wir zielen dabei auf die inneren adaptiven Prozesse des Organismus ab, (das Vegetativen System) indem wir alte Strukturen und Beschränkungen lösen und überwinden, um so den grundlegenden Organismus auf eine Stufe der höheren Leistungsfähigkeit zu heben. Da unser aller Organismus in vielerlei Hinsicht sehr beschränkt ist, wird die neue Leistung viele überraschen (es ist so, als würde man den Organismus von innen neu programmieren und abstimmen). Im Bereich Sport nenne ich sie Vegetatives Training.(VGT)”

Der gebürtige Norweger hat die Technik  sechs Jahre lang in seiner Heimat als Schüler dort etablierter Vegetotherapeuten studiert. Seit sieben Jahren ist er selbst international als Therapeut tätig und hat sich dabei auf den Bereich Sport spezialisiert. Mit Erfolg, denn im Kampf um den entscheidenden Vorsprung ist man im Spitzensport auch alternativen Therapiemethoden gegenüber aufgeschlossen. Dementsprechend prominent ist Clausens Kundenliste. Vor allem Fußballclubs setzen auf seine Dienste. So war Clausen im Frühjahr 2013 in der Premier League tätig, wo er Spieler der Klubs FC Everton und Manchester City behandelte.

Die Ergebnisse haben überzeugt, wie Danny Donachie, Head of Medical Services beim FC Everton, im Gespräch mit dem Sportmagazin bestätigt: „In Everton versuchen wir alles, um besser zu sein als die Gegner und Inge half uns heuer sehr dabei.“ Clausen hatte dem Club ein E-Mail mit einer kurzen Beschreibung seines Therapieangebotes und der Bitte um ein Treffen geschickt. Donachie zeigte sofort Interesse – „weil ich mich schon immer mit Alternativmedizin beschäftigt habe“ – und war doch zuerst skeptisch: „Denn es ist sehr anders als alles, was wir bisher versucht haben.“ Und so testeten Donachie und sein Medical Team die Vegetotherapie, bevor sie Clausen an die Spieler lassen wollten. „Nach einer Woche waren die Effekte erstaunlich“, erinnert sich Donachie. Selbst die großen Zweifler im medizinischen Stab berichteten von bislang ungeahntem Wohlbefinden und deutlicher, subjektiv empfundener Leistungssteigerung.

Daraufhin wurden Clausen zwei Spieler anvertraut, die über Monate hinweg mit Formtiefs und Verletzungspech zu kämpfen hatten. Mit erstaunlichen Ergebnissen, so Donachie: „Beide zeigten plötzlich enorme Verbesserungen, was ihr Selbstvertrauen am Platz und ihr Spiel angeht. Vor allem Séamus Coleman zeigte eine unglaubliche Leistungssteigerung. Er spielte nach der Therapie mit Inge acht Spiele und wurde dabei fünf Mal zum ‚Man of the Match‘ gewählt.“ Inwiefern diese Veränderung direkt auf die Vegetotherapie zurückzuführen ist, lässt sich schwer beweisen, sagt Donachie, aber für ihn und sein Team besteht kein Zweifel. Und daher will man auch in der kommenden Saison auf jeden Fall wieder mit Clausen zusammenarbeiten.

Seamus Coleman

Der Norweger wird im Herbst 2013 ohnehin viel auf der Insel zu tun haben, denn nicht nur in Everton, auch in Manchester setzt man auf Clausens Können. Dort hat er im Frühjahr 2013 erfolgreich mit den Profis von Manchester City gearbeitet. Die Citizens wollen Clausen nun durch ein Langzeitengagement binden, doch der Norweger zögert, weil er sich nicht auf eine Mannschaft festlegen will.

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Denn auch am Festland regt sich immer mehr Interesse. Etwa beim ÖFB, den Clausen ebenfalls kontaktiert hat. Sportwissenschaftler Gerhard Zallinger wurde vom Verband damit beauftragt, sich mit dem Norweger zu treffen.

Wie auch das Medical Team in Everton probierte Zallinger die Therapie zuerst an sich selbst aus: „Ich muss sagen, ich bin sehr erstaunt über die Effekte auf den Bewegungsapparat. Verblüfft hat mich persönlich, wie positiv sich die Sessions auf meine Wirbelsäule auswirkten.“ Aus sportwissenschaftlicher Sicht, so Zallinger, seien diese Effekte aber schwer zu erklären. Denn die Vegetotherapie wirkt auf das vegetative Nervensystem. Sie wirkt sich nicht nur positiv hinsichtlich der Leistungserbringung aus, sondern vor allem auch in der regenerativen Phase. Um diese Wirkungsweise gänzlich wissenschaftlich zu erklären, müsste man sich von mehreren Seiten herantasten, erklärt Zallinger: „Denn wo die Psyche involviert ist, wird es immer schwierig, die Wirkung zu erklären.“

austria france 2016

Doch letztlich entscheide der Erfolg am Patienten und im konkreten Fall die Leistung der Sportler. „Gerade im Spitzensport ist es oft so, dass etwas erfolgreich in der Praxis angewandt wird, obwohl die Wirkungsweise noch nicht wissenschaftlich bewiesen oder untersucht ist“, sagt Zallinger. Daher attestiert er der Vegetotherapie gute Chancen, sich über den erfolgreichen Einsatz im Sport zu etablieren. Seitens des ÖFB zeigt man jedenfalls Interesse, mehr über die neue Therapie zu erfahren:

Inge Jarl Clausen hat indes sein Arbeitsfeld auf den Radsport ausgedehnt. Im Juni trainierte er in der Sierra Nevada mit einem Profiteam für die Tour de France. Er musste jedoch eine Schweigeklausel bis zum Tourende unterzeichnen, weshalb an dieser Stelle nicht näher auf diese Arbeit eingegangen werden kann. Nur so viel: Schon während er ersten Etappen bis Redaktionsschluss konnte sich besagtes Team über Platzierungen im Spitzenfeld freuen. Auch die Radprofis wollen daher weiter mit Clausen zusammenarbeiten. Er selbst hofft, durch die Erfolge im Sport die Kritiker seitens der, wie er sie nennt, „orthodoxen Medizin“ zu überzeugen, um der Vegetotherapie auf breiter Basis zum Durchbruch zu verhelfen.

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