Wir haben mit eine Komplexen System zu tun. Prof. Dr.Dr. Christian Schubert über Vegetative training

Wie Psyche und Körper zusammenwirken

Was der Psychoneuroimmunologe Christian Schubert über die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist sagt

Steffen Arora

STANDARD: Eine Psychotherapie, die Körper und Geist gleichermaßen betrachtet, ist die Vegetotherapie. Entwickelt in den 1930er-Jahren wird sie beim Training im Spitzensport sehr erfolgreich eingesetzt. Es ist ein ganz anderer Zugang, ein Paradigmenwechsel, sagen diejenigen, die es kennen. Sehen Sie das ähnlich?

Schubert: Von dem ausgehend, was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe, meint diese Methode, einem neuen Paradigma zu entsprechen. Darunter versteht man den Wechsel von einer wissenschaftlichen Grundauffassung zu einer anderen. Das ist schon ein großes Wort. Dieses neue Paradigma, von dem auch im vegetativen Training die Rede ist, nimmt den Körper und die Psyche als ein zusammenhängendes, komplexes System wahr. Das alte schulmedizinische Paradigma ist nicht in dieser Form ganzheitlich ausgerichtet.

STANDARD: Aber auch in der Schulmedizin ist doch von einer Komplexität die Rede.

Schubert: Ja, aber was fehlt, ist die dynamisch-funktionelle Wirkverbindung zwischen den einzelnen Elementen des Systems Mensch. Man könnte sagen, der Geist verändert den Körper, was wiederum den Geist verändert, also eine von oben nach unten (top down) und von unten nach oben (bottom up) Kreiskausalität. So würde ein Schulmediziner nicht sprechen. Dort konzentriert man sich auf einseitige Wirkrichtungen. Also dass die Psyche etwas mit dem Körper macht und vielleicht auch der Körper etwas mit der Psyche. Nicht aber, dass Körper und Psyche in komplexer wechselseitiger Beziehung stehen.

STANDARD: Wie kann man sich das anhand eines konkreten Beispieles vorstellen?

Schubert: Nehmen wir eine Entzündung. Der Körper reagiert auf eine Stresssituation mit einer Entzündung. Das ist wie ein erster Abwehrwall, der produziert wird, um möglichen Infektionen und Verletzungen schnell zu begegnen. Beim vegetativen Training wird nun versucht, den Menschen in einen bestimmten Bewusstseinszustand zu bringen, der mit einer Veränderung im vegetativen Nervensystem einhergeht. Und diese Veränderung wirkt nun wieder zurück, wodurch man in eine Top-down-Bottom-up-Schleife kommt, wie zuvor beschrieben. Beim konkreten Beispiel der Entzündung kann nun der durch vegetatives Training aktivierte Parasympathikus seine entzündungshemmende Wirkung entfalten. Das erklärt, warum etwa die Sportler davon berichten, dass mit dieser Methode ihre Heilungsvorgänge bei Überanstrengungen und Verletzungen beschleunigt werden.

STANDARD: Kann man daraus eine allgemein gültige Wirksamkeit ableiten?

Schubert: Nein, man kann das nicht hinsichtlich der Anwendung verallgemeinern und sagen, das wirkt immer gleich. Der Therapeut muss sich mit jedem Klienten individuell auseinandersetzen. Dabei gilt es auch den biografischen Hintergrund und die Persönlichkeit mit einzubeziehen. Der Unterschied ist, man geht nicht davon aus, dass der Sportler eine Maschine ist, die den immer gleichen Input benötigt, um zu regenerieren. Was logisch ist, weil man es eben mit einem komplexen System zu tun hat, das individualisiert betrachtet werden muss.

STANDARD: Wäre ein solcher medizinischer Zugang aus Patientensicht nicht immer der bessere?

Schubert: Richtig, davon bin ich überzeugt. In einer neuen Medizin muss der Patient in seiner spezifischen biopsychosozialen Biografie wahrgenommen werden, es müssen also biologische, psychologische und soziale Entwicklungsaspekte seines Menschseins in der Diagnostik und Behandlung verbunden werden. Das würde dem Menschen in all seinen Facetten gerecht werden. Ungefähr so dürfte auch das vegetative Training funktionieren, dessen Wirksamkeit aus der komplexen Interaktion mit dem Behandler resultiert.

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STEFFEN ARORA 18. Dezember 2018, Der Standard AT.

Vegetatives training

Der Ansatz kann als ganzheitliche/holistische, fast monoistische Herangehensweise an den menschlichen Organismus angesehen werden, bei dem alle Manifestationen des Organismus als Ausdruck der Aspekte des Organismus als Ganzes betrachtet werden. Im Mittelpunkt dieses Ganzen steht die Funktionalität des vegetativen Systems, das als eine der Säulen der Anpassung des Organismus angesehen wird und welches die Art und Weise bestimmt, in welcher der Organismus ist, sein Wachstums- und Selbstregulierungspotenzial zu nutzen.

Alle Störungen – mental oder körperlich, sind auch Störungen des vegetativen Systems. Jede Störung ist im Wesentlichen ein Widerspruch im vegetativen System, das für das Individuum nicht in befriedigender Weise gelöst werden könnte. Jedes psychische Phänomen hat seine körperliche Entsprechung (Antwort).

Die Funktion des vegetativen Systems basiert auf einer Assimilation der Widersprüche. Störungen im vegetativen System sind ungelöste Widersprüche im System.

Diese Unterschiede im vegetativen System spiegeln sich im Organismus wider. Wenn das vegetative System vom optimalen Funktionieren durch diesen Widerspruch abgehalten wir, hat dies Auswirkungen auf die Organisation des Organismus auf allen Ebenen

Das vegetative System steht in einem dialektischen Verhältnis zum gesamten Organismus, auch zu sich selbst. Dies bedeutet, dass die Wiedergabe des vegetativen Widerspruchs im Organismus teilweise durch die organismuseigenen Kompensationen bzgl. dieses Widerspruchs charakterisiert wird, aber auch durch die Ausgleichsmaßnahmen des vegetativen Nervensystems.

Bei psychischen oder somatischen Störungen im Organismus führt die Wiederherstellung der normalen vegetativen Funktionen zu einer Optimierung der spezifischen Funktionalität des Organismus.

Die im Organismus innewohnenden Heilungskräfte entspringen dem vegetativen System und wirken durch dieses System auf alle anderen biochemischen, physiologischen, körperlichen, emotionalen und kognitiven Prozesse.

 Veränderung passiert im Organismus zentral und breitet sich in die Peripherie aus.